Bulverhythe bei Hastings

Bulverhythe bei Hastings

Konserviert im Schlick

Wo liegt Amsterdam? Ist klar, muss man jetzt nicht extra schreiben. Aber wo liegt „die“ Amsterdam? – Das Schiff? Nun, die hat doch Anker geworfen vor dem Schifffahrtsmuseum in Amsterdam. Okay, stimmt, aber das ist nur ein zugegeben prächtiger Nachbau eines Schiffes, das offenbar unter einem sehr schlechten Stern gebaut wurde. 1748 sollte es vornehmlich Waren nach Batavia bringen und abholen. Mit Batavia ist das heutige Jakarta, die Hauptstadt Indonesiens, gemeint. Bis 1799 war die Stadt der Hauptstützpunkt der Niederländischen Ostindien-Kompanie. Auf dem 48 Meter langen und elf Meter breiten Schiff tummelten sich 203 Mannschaftsmitglieder, 127 Soldaten und fünf Passagiere, darunter zwei Frauen.

 Gut, was hat das jetzt mit England zu tun? Also, die funkelnagelneue Amsterdam sollte wie gesagt 1748 zu ihrer Jungfernfahrt auslaufen, doch scheiterten von Texel aus zwei Versuche im November und Dezember aufs offene Meer zu gelangen. Ein dritter Versuch im Januar brachte das Schiff dann endlich in die Nordsee. Doch starke Winde ließen es im englischen Kanal mehr zum Spielball des Schicksals werden, als dass es gen Atlantik segelte. Den Seemännern und Soldaten unter dem Kommando des 33-jährigen Kapitäns Willem Klump blieb nichts erspart. Dieser wollte eigentlich den Hafen von Portsmouth erreichen, um Reparaturen vornehmen zu lassen. Die kräftezehrende Arbeit im Sturm bahnte aber dann einer Krankheit den Weg – Gelbfieber brach aus. Gut 50 Männer starben daran, 40 weitere waren erkrankt.

Die Disziplin war nicht mehr zu halten. Der Fund von deformierten Musketenkugeln legt nahe, dass an Bord geschossen wurde. Auch wurden sehr viele Weinflaschen gefunden. Man kann es sich nur vorstellen, was sich an Bord des Schiffes für Szenen abgespielt haben müssen. Dann brach auch noch das Ruder. Um Mannschaft und Fracht nicht zu gefährden, entschied der Kapitän, das Schiff an der englischen Küste auf Grund laufen zu lassen. Vielleicht entschieden das auch die Seeleute, nur um von dem verfluchten Schiff runterzukommen. Das war am 26. Januar 1749. Aber auch dieses Unternehmen war nur zum Teil von Erfolg gekrönt. Das Schiff lag unweit von Hastings, auf Höhe des damaligen Dorfes Bulverhythe wohl auf Grund, doch blieb es Wasser umspült. Helfer aus Hastings konnten sie nicht erreichen, aber zu ihrem Erstaunen hörten sie vom Schiff weniger verzweifelte Hilfeschreie, sondern viel mehr den Gesang betrunkener Menschen. Als sich dann die Möglichkeit ergab, schafften es die Kräftigen selbstständig an Land, anderen wurde vom Festland aus geholfen. Die, die heil und gesund vom Schiff kamen, kehrten wenig später wieder in ihr Heimatland zurück. Das sollen um die 70 Personen inklusive Kapitän gewesen sein

Archäologe Peter Marsden wusste in seinem Führer von einem Einzelschicksal zu berichten: Einer, der es nicht schaffte, war Adrian Welgevaren. Ob er schon vor dem Landeversuch tot war oder dabei umkam, ist nicht klar, jedenfalls war der 26. Januar sein 16. Geburtstag. Archäologen fanden seine Knochenüberreste. Nur wenige Teile der Ladung wurden 1749 noch geborgen. Zum Teil unerlaubt von Schmugglern aus Hastings, die insbesondere nach Silbermünzen suchten. Aber dann bohrte sich das Schiff über wenige Wochen immer tiefer in den Schlick, bis es nicht mehr zu sehen war.

 In den Folgejahren konnten immer mal wieder Gegenstände gefunden werden, die dem Schiff zuzuordnen waren. Das Grab der Amsterdam war schon im 19. Jahrhundert ein touristisches Ziel. Doch fehlten die Möglichkeiten, an dieser ungünstigen Stelle nach Schätzen zu graben. 1969 wurden rund um das Wrack erstmals Bagger eingesetzt, die einige Gegenstände, etwa 1748 gegossene Kanonen, Fässer, Weinflaschen und weiteres militärisches Equipment zu Tage förderten. Im Anschluss wurden verschiedene Versuche unternommen, die Amsterdam aus dem Schlick zu befreien. Doch letztendlich scheiterte ein solches Unternehmen an der Finanzierung. Und so liegt sie dort noch immer, allerdings jetzt umrahmt von einem schützenden eisernen Konstrukt.

Es ist schon ein interessanter Gedanke, dass die Unterdecks samt Bug im Schlick quasi konserviert liegen und noch immer den größten Teil der 1748 geladenen Güter beherbergen. An wenigen Tagen im Jahr sind Teile des Decks bei Ebbe zugänglich. Wer dann bei Führungen meint, ein hölzernes Erinnerungsstück heimlich in seine Tasche stecken zu müssen, darf sich nicht wundern, dafür hart bestraft zu werden. Dann lieber das „Shipwreck and Coastal Heritage Centre“ an der Küste von Hastings besuchen und dort ganz legal und in Ruhe Originalteile der Amsterdam betrachten. Und wer ein Gefühl davon bekommen möchte, wie die Menschen an Bord gelebt (Kapitän und Passagiere) und gehaust (der Rest) haben, der sollte an Bord der Replik der Amsterdam gehen und sich vorstellen wie 330 Menschen dort Platz gefunden haben müssen neben der Fracht, um die es primar ging. Noch eine kurze Info: Von wegen See-Abenteuer. Von 1701 bis 1800  gingen in etwa 670 000 Menschen an Bord eines Schiffes der Niederländische Ostindien-Kompanie, im Original Vereenigde Oostindische Compagnie (VOC). Mehr als 400 000 verloren an Bord ihr Leben.

Quellen: Peter Marsden: „Guide to the wreck site of the Amsterdam 1749 at Hastings, 2007

Eric Bird and Lilian James: “Writers on the Coast”, 1992

Merian Reiseführer Amsterdam,

Internet: Wikipedia

 FOTO: Das Foto zeigt den Einband des Guides von Peter Marsden

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