Folkestone

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Eanswythe – familiäre Rebellin, erste Äbtissin und Volksheilige

Emanzipation. Schon in frühen Jahren unserer Geschichte gibt es sehr interessante Beispiele. Dazu zählt sicher der folgende töchterliche Ungehorsam. Und das nicht nur gegen einen Vater, sondern einen Vater, der dazu auch noch ein König war. Die Rede ist von Eanswythe, Tochter des kentischen Königs Eadbald. 

Eadbald war Sohn von König Ethelbert und damit mit einer für damalige Zeiten großen Hypothek belastet. Denn Ethelbert war es, der 597

St. Augustin und seine Mönche in Kent willkommen hieß und somit den Grundstein für die Christianisierung des Landes legte. Eadbald war ein folgsamer Sohn und Thronfolger. Doch tief in seinem Herzen sah er noch keinen Platz für den Christen-Gott. Um seinen Thron zu festigen, sah er andere Entscheidungen für wichtiger an, als sich taufen zu lassen. Doch hatte er wohl nicht mit der Wucht des Glaubens seiner innig geliebten Tochter Eanswythe gerechnet. Immerhin war sie auch die einzige Tochter von Eadbald und seiner Frau Emma, die als christliche fränkische Prinzessin nach Kent verheiratet wurde. Dieser Tradition folgend sah auch Eadbald für seine Tochter eine politisch günstige Heirat vor.

Allein seine Tochter verweigerte sich und stellte für sich fest, niemals weltlich heiraten zu wollen. Sie hatte sich bereits für Jesus Christus entschieden – und das im Alter von ungefähr zehn oder zwölf Jahren. Letztendlich war es gut so, dass Eanswythe schon in diesem Alter klare Vorstellungen von ihrem Leben entwickelt hatte, denn es wurde ihr nicht allzu viel Zeit auf dieser Erde gegeben. Und sie hatte das bestimmte Etwas, mit dem jede Tochter jeden Vater, und mag er noch so gegen etwas sein, auf ihre Seite zieht.

Eadbald war alles andere als ein Waschlappen. Er war unbeeindruckt vom Christentum und heiratete sogar nach dem Tode seines Vaters noch zusätzlich dessen zweite Frau, was nach der christlichen Lehre gar nicht toleriert wurde. Seiner Tochter aber konnte er nichts abschlagen. Sie bekam ihren Willen und er baute ihr ein Kloster für Nonnen. Das allererste Nonnenkloster auf englischem Boden. Allein als es 630 bezugsfertig war, konnte Eanswythe dem Kloster noch nicht vorstehen, weil sie zu diesem Zeitpunkt erst 16 Jahre alt war.

Und es kam noch dicker. Ein Prinz aus Northumbria hielt zu dieser Zeit um ihre Hand an, doch Eadbald, der diese Verbindung sehr gerne gesehen hätte, musste auch hier wieder kleinbeigeben. Gegen seine Tochter kam er einfach nicht an. Eanswythe und ihre ersten Nonnen wurden zunächst von Mönchen angeleitet, die unter St. Augustin nach England gekommen waren. Da es keine anders lautende Überlieferung gibt, muss angenommen werden, dass Eanswythe dann irgendwann die Leitung des Nonnenklosters als erste Äbtissin Englands übernahm.

Im August 640, gerade mal 26 Jahre alt, starb die Rebellin, immerhin nicht als unglückliche Tochter, die zu einer Heirat gezwungen wurde, sondern als eine mit Liebe für den Nächsten erfüllte Äbtissin, der man auch einige Wunderheilungen nachsagte. Ihr Vater starb übrigens im Januar desselben Jahres. Ohne ihn hielt sie es offenbar auch nicht mehr auf dieser Welt aus. Und die Chancen standen gut auf ein Wiedersehen im Himmel. Denn Eadbald hatte sich doch noch auf christliche Pfade begeben, sich taufen lassen und sogar die Heirat mit der Frau seines Vaters rückgängig gemacht.

Nach ihrem Tod wurde Eanswythe umgehend heiliggesprochen, ihre Gebeine wurden zu wertvollen Reliquien. Es setzte sogar Wallfahrts-Tourismus ein. Was mit dem Original-Kloster passierte, ist nicht gesichert. Es gibt zwei grundlegend verschiedene Geschichten. Die eine sagt aus, dass das Kloster hart am Rand der Klippen ins Meer gerutscht ist, die andere Geschichte spricht vom einen blutigen Ende nach einem Überfall der Dänen im Jahr 867. Immerhin wurden ihre Reliquien gesichert und in einer nahen Kirche aufbewahrt. Eanswythe wurde in Folkestone niemals vergessen. Nachfolgekirchen trugen immer wieder ihren Namen und das bis heute. Die Kirche, wie wir sie heute sehen, reicht in ihren Ursprüngen zurück bis ins 13. Jahrhundert. Ihr jetziges Aussehen erhielt sie bei umfassenden Sanierungs- und Umbauarbeiten Ende des 19. Jahrhunderts. Und dabei kam es zu einer großen Überraschung. In der Kanzel fanden sich die Knochen einer jungen weiblichen Person. Ganz klar, dass das nur die Reliquien von St Eanswythe sein konnten, ja sein mussten. Weil es einfach zu schön ist, wollen wir es einfach mal glauben, dass es ihre „Reliquien“ bis in unsere moderne Zeit geschafft haben. Die gefundenen Knochen erhielten jedenfalls einen Ehrenplatz im Altarraum der Kirche St Mary and St Eanswythe und können dort in einer Nische besichtigt werden.

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