London und andere Orte

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Matilda: Die legitime Königin, die nie gekrönt wurde

Was wäre gewesen, wenn? Die Vergangenheit ist nicht mehr zu ändern, wir können nur auf sie reagieren. Trotzdem, die Eingangs gestellte Frage fasziniert immer wieder. Gehen wir zurück in das Jahr 1135. Eine junge Frau namens Matilda wäre tatsächlich die erste weibliche Person gewesen, die rechtmäßig auf dem englischen Thron gesessen hätte. So hatte es ihr Vater King Henry I eingerichtet. Nachdem sein einziger Sohn bereits 1120 bei einem Unfall im englischen Kanal vor der Küste der Normandie ertrunken war, blieb trotz vieler illegitimer Kinder nur noch seine Tochter Matilda als Thronerbin übrig. Insgesamt viermal hatte King Henry die Barone einen Eid schwören lassen, seine Tochter nach seinem Tod als Königin zu akzeptieren. Matilda wäre nicht nur die erste Frau gewesen, sie hätte auch erstmals schottisches Blut auf den englischen Thron gebracht, denn ihre Mutter war die Tochter des schottischen Königs Malcom III.

Nun, es sollte nicht sein. Es waren in erster Instanz allerdings nicht die Barone, sondern Henrys Neffe Stephen, der jenseits des Kanals lebte, der Matilda um die Krone brachte.  Kaum hatte er von Henrys Tod gehört, hatte er nichts Eiligeres zu tun, als nach England überzusetzen und alle Vorbereitungen zu treffen, sich in Winchester zum König krönen zu lassen. Er erzielte gar Einvernehmen mit dem Papst, so dass sich die Barone nicht mehr an ihrem Eid gebunden sehen mussten. So kam er Matilda, die ihre Priorität darin sah, mit ihrem zweiten Mann Geoffrey um die Vorherrschaft in Nord-Frankreich zu kämpfen, zuvor. Matilda war kein zart besaitetes Mädchen. Sie fand die Idee, Königin von England zu werden, viel zu gut, als sich von ihrem Cousin überrumpeln zu lassen. Und so kam es also zu einer Familienfehde, die ganz England erfasste und unfassbares Leid bis ins kleinste Dorf brachte.

Aus der Fehde wurde ein grausamer Bürgerkrieg, in dem niemand mehr seiner eigenen Familie oder seinem Nachbarn trauen konnte. Das Schlimmste aber war, dass sich keiner von beiden durchsetzen konnte. Menschen starben auf den Schlachfeldern oder siechten dahin, weil es nichts mehr zu Essen gab, der Handel und die Feldbewirtschaftung zum Erliegen gekommen war. In diesem Machtvakuum agierten die Barone und versuchten so viel Einfluss und Ländereien zu erlangen wie nur möglich.  Auch die Kirchenvertreter hatten ihren Anteil. Wollte man beschreiben, wer mit wem paktierte, nur um dann wegen eines anderen Ereignisses die Seite zu wechseln, um später dann doch wieder zurückzukehren, man würde entnervt die Lektüre beiseitelegen, weil man einfach nicht mehr folgen kann.

So viele Komplotte und Wendungen konnte noch nicht einmal das Drehbuch des Serienhits „Game of Thrones“ ersinnen. Der Bürgerkrieg wurde später auch „The Anarchy“ genannt. Eine Zeit, in der offensichtlich der Stärkere über den Schwächeren bestimmte, wo Mord, Plünderungen, Vergewaltigungen und das Niederbrennen von Häusern zum Alltag gehörte, ohne geahndet zu werden. Stephen, der zu Beginn durch geschickte Manöver und bestes Taktieren sehr viele wichtige Personen hinter sich bringen konnte, brachte in der Folgezeit durch plötzliches unkluges Handeln viele seiner Getreuen wieder gegen sich auf, darunter auch seinen eigenen Bruder, der Bischof von Winchester war und ihn gekrönt hatte. 1139 eroberte Matildas wichtiger Gefolgsmann Robert of Gloucester die Stadt Winchester. Somit hatte Matilda plötzlich Zugriff auf den dort liegenden Staatsschatz.

1141 fiel Stephen sogar in die Hand des Feindes. Der Bischof von Winchester sprach Stephen die Krone ab. Matilda, nun in unangefochtener Pool-Position, kam sodann nach London, um Vorbereitungen zur Krönung zu treffen. Doch beging sie innerhalb kürzester Zeit eine Reihe von Fehlern, die dazu führten, dass die Krönung tatsächlich ausfiel und der Bischof von Winchester wieder seinen Bruder unterstützte. Der gröbste Fehler war, noch vor der Krönung die Bürger Londons mit Steuern zu belasten, um eben eine prunkvolle Krönung finanzieren zu können. Danach stand den gebeutelten Londonern aber gar nicht der Sinn. Als Stephens Ehefrau, die zufällig auch Matilda hieß, vor Londons Stadttoren mit einem Heer erschien, zwangen die Londoner die Möchtegern-Königin Matilda dazu, ihre Stadt noch vor einer Konfrontation mit dem Heer zu verlassen.

Dann machte Matilda noch einen Fehler. Aber wahrscheinlich konnte und wollte sie nicht anders. Als Robert of Gloucester in die Hand der Stephen-Treuen fiel, stimmte sie einem Gefangenenaustausch zu: Robert gegen Stephen. Und was tat der Bischof of Winchester? Genau, er machte seinen Bruder zum zweiten Mal zum König.

Die Kämpfe gingen weiter, obgleich Matilda die meiste Zeit auf Burg Devizes wie eine Maus im Käfig saß. Fast wäre es aber noch einmal passiert, dass Stephen in Gefangenschaft geraten wäre. Doch er konnte noch einmal knapp entkommen. Als Robert von Gloucester starb, kehrte Matilda 1148 nach Frankreich zurück.

Stephen konnte aber seinen bitter erzielten Sieg kaum genießen. 1153 sah er sich einer neuen Streitmacht gegenüber, angeführt von Matildas Sohn Henry. Nach 17 Jahren Krieg wurde es gar den Baronen zu viel. Sie zwangen Stephen, in Verhandlungen einzutreten. Diese verliefen aber nicht so, wie er sich das dachte. Er wollte eigentlich schon vorher seinen ältesten Sohn Eustache als seinen Nachfolger gekrönt haben, was ihm aber der Papst untersagt hatte. Jetzt sollte Eustache offensichtlich keine Rolle mehr spielen. Stephen war sauer und brach die Verhandlungen ab. Als Eustache wenig später aus nicht geklärter Ursache den Tod fand, wurden die Verhandlungen wieder aufgenommen. Ein nun trauernder Stephen stimmte zu, dass nach seinem Tod Henry den Thron besteigen soll. Gesagt, getan. Und kaum, dass Stephen 1154 für immer seine Augen geschlossen hatte, kam also Matildas Sohn, auf den Thron. Er war der erste Vertreter des Hauses „Plantagenet“ auf dem englischen Thron und löste damit offiziell die Normanen-Linie ab.

 Eigentlich auch ein interessanter Nebenaspekt. Es zählte also nicht mehr das Haus, aus dem Matilda stammte, sondern das ihres Mannes Geoffrey Plantagenet, Count of Anjou. Henry II hatte zwar sicher noch schottisches Blut und Erbgut in seinem Körper, doch reichte es nicht aus, in der Folgezeit Kriege gegen Schottland zu verhindern. Und noch was: Obgleich das Haus Plantegenet auch aus Frankreich stammte, werden die nachfolgenden Könige in der Rückbetrachtung mehr oder weniger als lupenreine englische Könige angesehen, die die Eindringlinge aus der Normandie von 1066 vergessen ließen. Das Haus Plantagenet hielt sich sehr lange an der Macht, bis es zu einem erneuten Bürgerkrieg kam, weit und breit bekannt als „Rosenkrieg“. Aber das ist eine andere Geschichte.

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