Over Stowey

Over Stowey

Eine wahnsinnige Gewalttat aus dem Nichts

John Walford war ein junger Mann aus Over Stowey. Er war niemals aufbrausend, schlug niemals über die Stränge. Er liebte Ann Rice, eine Tochter des örtlichen Müllers, die seine Liebe auch erwiderte. Es schien ausgemacht, dass die beiden ein Paar werden. Gemocht von seinen Freunden, respektiert in seinem Lebensumfeld galt er als netter Bursche, dessen Gesellschaft man gern suchte. Lesen und Schreiben konnte er nicht. Im Sommer war er ein gern gesehener Hilfsarbeiter bei den Bauern, die die Ernte einholten, weil er immer kräftig mit anpackte und unter den weiteren Arbeitern stets gute Laune verbreitete. Im Winter verdingte er sich als Köhler. Eine einsame Arbeit, die ihn an den Wochentagen ganz schön herunterzog. Um so mehr liebte er die wenigen geselligen Stunden, wenn er am Samstag nach Hause kam. Sonntags fehlte er nie in der Kirche.

Dann trat Jane Shorney in sein Leben. Sie wohnte in einem nahe gelegenen Ort und sammelte im Winter Holz im Wald. Oftmals auch unweit der Stelle, an der John Kohle herstellte. Niemand kann sagen, was es war, das die beiden so eng zusammenbrachte, doch über kurz oder lang wurde sie schwanger von ihm.

 Oh John, was hast du dir dabei gedacht? Wahrscheinlich gar nichts. Fataler Fehler. Jane war so gar nicht sein Typ. Sie war körperlich ungepflegt, kleidete sich nachlässig, war im Ganzen dreckig und eine plumpe  Person. John galt als Kindsvater und so kam er erstmals mit der Gemeinde in Konflikt. Seine Mutter intervenierte und versprach, dass das Kind von ihrer Familie unterstützt werde. Man sollte meinen, diese Peinlichkeit hätte John kuriert.

Aber was folgte? Nicht lange nach ihrer Niederkunft besuchte Jane John wieder bei seiner einsamen Arbeit – und wurde ein zweites Mal schwanger von ihm. Der Skandal war komplett.  Jetzt half nichts mehr, die Verlobung mit Ann wurde gelöst und er versprach den lokalen Behörden, Jane zu heiraten. Und so schritt er als 24-jähriger Mann am 18. Juni 1789 nicht mit Ann Rice, sondern mit der vom ihn wiederholt schwangeren Jane Shorney vor den Traualtar. Es war keine ausgelassene Feier. John merkte wohl, was er verbockt hatte. Ann war verloren, sein Ansehen mehr als angekratzt.

Niemand konnte verstehen, wie John, der so beliebt war, ausgerechnet mit dieser Frau was anfangen konnte. Und nur wenige Tage nach der Hochzeit reifte in John der Plan, abzuhauen. Im fernen London wollte er ein neues Leben aufzubauen. Doch ein Blick in den Geldbeutel reichte, um diese Idee erst gar nicht weiter zu verfolgen. Und dann begann die Zeit, von der keiner wirklich sagen kann, was in Johns Kopf vorging. Kam ihm eine andere Idee, ein Plan, etwas Niederträchtiges zu tun oder war das, was in der Nacht von Samstag, 5. Juli, auf Sonntag, 6. Juli passierte, eine Kurzschluss-Handlung? Es war schon späterer Abend als Jane Lust auf einen Cider verspürte. Das Getränk musste sie sich aus dem nächsten Pub holen, dem „Castle of Comfort“.

Eine Quelle geht davon aus, dass „es“ bereits auf dem gemeinsamen Hinweg zum Pub, eine andere, dass es auf dem gemeinsamen Rückweg passierte. Egal, das traurige Resultat bleibt dasselbe:

John hatte seiner schwangeren Frau die Kehle durchtrennt, von einem Ohr bis zum anderen. Und das, nachdem er sie vorher sehr brutal niedergeschlagen hatte. Bereits dabei soll sie sich tödliche Verletzungen am Kopf zugezogen haben. Ein Motiv für diesen ungeheuerlichen Gewaltausbruch? Angeblich soll sich Jane in der kurzen Zeit der Ehe immer wieder despektierlich über seine Liebe zu Ann Rice ausgelassen haben. Aber das darf als Grund herhalten, einen Menschen, zudem die Mutter seiner Kinder, zu töten?

John wusste darauf eine Antwort: Der Teufel habe von ihm Besitz ergriffen, sagte er seinem Bruder William einen Tag vor seiner Hinrichtung.

Nach der Wahnsinnstat alleine zu Hause angekommen, wusch sich John. Ob er in dieser Nacht noch Schlaf fand, kann nicht gesagt werden. Jedenfalls zog er irgendwann seine Sonntagskleider an und wartete einfach auf die Dinge, die kommen sollten. Einen Fluchtversuch unternahm er nicht. Er musste gar nicht lange warten. Der leblose Körper seiner Frau, der noch den Leib seines Kindes trug, wurde schon sehr früh am Sonntagmorgen von zwei Kindern gefunden.  Johns Versuch, auf arglos und unschuldig zu machen, scheiterte kläglich. Er verstrickte sich schnell in Widersprüche. Er wusste auch keine Antwort auf die Frage, ob er sich nicht Sorgen gemacht habe, als er merkte, dass seine Frau so lange ausblieb. An seinem Messer und an seiner Kniebundhose fand man zudem Blut. Damit war in wenigen Augenblicken klar, was passiert war, dass sein Leben jetzt auch vorbei war. Am 18. August wurde ihm in Bridgwater der Prozess gemacht, zwei Tage später wurde er in die Nähe seines Heimatortes zurückgebracht, wo der Galgen auf ihn wartete.

John Walford wurde indessen nicht wie ein gewöhnlicher Krimineller behandelt. Alle, die vor Gericht über den Charakter des Mannes etwas erzählen sollten, hatten sich mit positiven Darstellungen und Komplimenten überschlagen. Am Ende musste gar der Richter seine feuchten Augen verbergen, als er den einzig möglichen Schuldspruch verkündete. Nur die Mutter von Jane hatte lautstark gefordert, dass man den „mörderischen Hund“ aufhängen möge. Alle anderen Zeugen der Verhandlung waren betreten, ja traurig, fassungslos. Auf dem Weg von Bridgwater zum Galgenplatz durfte John noch eine Mahlzeit in einem Pub einnehmen. Als er wieder zum Gefangenwagen geführt wurde, kam Ann zu ihm. Sie sprachen nur kurz, dann wurde Ann vom Wachpersonal zurückgedrängt. Doch sie folgte dem Wagen und konnte ihrem John noch einmal Lebewohl sagen, bevor er gehängt wurde. Die Menschen, die dabei zusahen, waren ganz still. Jeder mochte John, konnte es nicht fassen, was da passiert war. John nutzte seine letzten Worte dazu, den Menschen zu versichern, dass er schuldig sei und nichts anderes als den Tod verdient habe.

Nachdem er 20 Minuten in der Schlaufe gehangen hatte, wurde sein Leichnam in ein Eisengestellt gezwängt und unweit seines Elternhauses an einem Baum gehängt. Hier wird es dann wieder legendhaft. So soll der Körper in dem Eisengestell genau ein Jahr und ein Tag dort gehangen haben, ehe er zu Boden fiel. Menschen, die Mitleid mit John empfanden, sorgten dann dafür, dass seine Überreste anständig begraben wurden.

Bei aller Sympathie für den jungen Mann müssen wir festhalten, dass er sich selbst in die Lage gebracht hatte. Er hatte immer die Zügel in der Hand, die Entscheidungshoheit. Trotz des Schusses vor den Bug fehlte es ihm zum einen an der Weitsicht und zum anderen an der Kraft, die eindeutigen Angebote von Jane auszuschlagen. Was mag das dann für eine Liebe zu Ann gewesen sein?

Walford war aufgrund seiner freundlichen, kumpelhaften Art eine lokale Persönlichkeit, hatte viele Freunde, darunter auch den um ein Jahr jüngeren Thomas Poole aus Nether Stowey. Der Sohn eines Gerbers und Farmers schaffte es in seinem Leben in ganz andere Kreise, durfte schon früh den berühmten Poeten Samuel Taylor Coleridge und später auch William Wordsworth zu seinen Freunden zählen. Dieser Poole machte sich auch einen Namen als Tagebuchschreiber. Als solcher hatte er auch über John und sein Schicksal geschrieben. Die unvorteilhafte Beschreibung von Jane oben im Text hält sich übrigens an den Worten von Thomas Poole.: „Sie war körperlich ungepflegt, kleidete sich nachlässig, war im Ganzen dreckig und eine plumpe Person.“

Quellen:

Jack Hurley: „Murder and Mystery on Exmoor”, reprinted 1991

Nicola Sly and John Van der Kiste: “Somerset Murders”

Internet:

SomersetLive: Dark Somerset: The doomed marriage of Jane Shorney and John Walford

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