Rye Harbour

Rye Harbour

Fünf Minuten, die über 17 Menschenleben entscheiden

Am Dienstag, 20. November 1928, fand in Rye Harbour eine Beerdigung statt, die es so noch nie in England gegeben hatte. Es wurden 15 Männer beerdigt, alle waren Mitglieder der örtlichen Seenotrettung. Sie und zwei weitere Crewmitglieder waren am 15. November mit ihrem Lifeboat „Mary Stanford“ aufs offene Meer hinausgerudert, um der Besatzung des lettischen Schiffes  „S.S. Alice“ zur Hilfe zu eilen, das zuvor im Sturm mit dem deutschen Schiff „Smyrna“ kollidiert war. Das lettische Schiff war manövrierunfähig und gab seine Position mit etwa acht Meilen südwestlich von Dungeness an. Den 17 Seenotrettern aus Rye Harbour stand kein Motor zur Verfügung, sie mussten nach einem 1,25 Meilen-Fußmarsch zum Lifeboat House per Muskelkraft und mit einem Segel gegen die Wellen und den Wind ankämpfen. Zuvor musste das Boot auch noch mit den Menschen, die immer dabei halfen, das Boot zu Wasser zu bringen, durch seichtes Wasser und über eine Sandbank gezogen werden, ehe es nach drei Versuchen endlich ablegen konnte. Die Seenot-Meldung war um 5 Uhr in der Frühe eingetroffen, eine Stunde und 45 Minuten später hatte es das Schiff der Seenotretter auf das offene Meer geschafft. Dann, nur fünf Minuten später, um 6.50 Uhr, erhielt die Coastguard die Nachricht, dass die Smyrna die lettischen Seeleute an Bord genommen hatte. Sofort wurden von Land aus Signale abgesetzt, die den Seenotrettern bedeuten sollten, zurückzukommen. Diese Signale wurden ganz offensichtlich im dichten Regen und dem harten Wellengang von der Crew nicht bemerkt. Einen Funk gab es noch nicht an Bord.

Gegen 9 Uhr will ein Crewmitglied der S.S.Halten das Lifeboat gesehen haben, wobei alles in Ordnung erschien. Auch ein Schiffsjunge der Smyrna gab später an, das Boot gesehen zu haben.

 Nur wenig später, um 10.30 Uhr, entdeckte ein Junge von Camber Beach aus ein umgekipptes Boot näherkommen. Er lief sofort zu seinen Eltern, die die Coastgurd informierten. Schnell war klar, dass es sich um die „Mary Stanford“ handelt. Mit dem Boot wurden innerhalb von zwei Stunden 15 leblose Crew-Mitglieder an Land gespült. Keines konnte wiederbelebt werden. Rye Harbour wurde somit der Ort, der die bis dahin größte Katastrophe in der Geschichte der englischen Seenotrettung erleben musste. Das Unglück bestimmte nicht nur in England die Nachrichten, sondern erfuhr auch große Aufmerksamkeit auf dem europäischen Festland. Zur Beerdigung dieser tapferen Männer schickte Lettland gar Offizielle, um ihnen und den Hinterbliebenen ihre Dankbarkeit auszudrücken, dass sie Willens waren, auch bei rauer See Menschen aus anderen Ländern zu helfen.  Die Kirche war ein Meer aus Blumen. Noch heute wird in Rye Harbour den Menschen gedacht, die im selbstlosen Einsatz ihr Leben verloren. Praktisch jede Familie des kleinen Örtchens hatte den Verlust von Angehörigen zu beklagen, man kannte sich und lebte miteinander. Die Fischerei kam erst einmal zum Erliegen.

 Ein sehr gepflegtes Monument auf dem Friedhof von Rye Harbour erinnert an die Menschen. Jeder Name wird mit Sterbealter auf einer eigenen Plakette aufgeführt. Im nahen Winchelsea erinnert ein extra angefertigtes Kirchenfenster an das Ereignis.

Das Lifeboat existiert nicht mehr, es wurde nach einer offiziellen Untersuchung auseinandergebaut. Auch das bis dahin genutzte Lifeboat House, das 1,25 Meilen von Rye Harbour entfernt am Strand liegt, wurde aufgegeben. Allerdings steht es noch und soll jetzt als Museum dienen.

 Die „Mary Stanford“ war seit 1916 in Dienst gestellt, wurde seinerzeit von der aktiven Crew selbst ausgesucht und nach mehreren Tests für gut befunden. 63-mal war sie vor ihrem letzten Einsatz zu Wasser gelassen worden, 47-mal zu Übungszwecken. In 16 Einsätzen wurden zehn Menschen gerettet.

Das Grab der am 20. November zusammen beigesetzten Männer wurde noch einmal geöffnet, um ein weiteres Crew-Mitglied dort zu bestatten, dass erst drei Monate später bei Eastbourne an Land gespült wurde. Das 17. und zugleich mit 17 Jahren jüngste Mitglied wurde nie gefunden.

Angehörige wie auch Offizielle, die den Fall untersuchten, wunderten sich schon etwas darüber, dass das Boot bei Camber Beach angespült wurde.  In der Regel wurde nach einem Einsatz nicht der „Heimathafen“ angesteuert, sondern entweder Dungeness oder Folkestone.  Eine Erklärung könnte sein, dass die zunächst zwei fehlenden Crew-Mitglieder irgendwann im Einsatz über Bord gegangen waren und von den übrigen 15 gesucht wurden. Es könnte aber auch sein, dass die Crew entgegen sonstiger Gewohnheiten entschieden hatte, dieses Mal direkt nach Haus zu segeln, da ein Teil der Crew unmittelbar vor den Einsatz aus einer Nachtschicht gekommen war und sicher sehr müde gewesen sein muss.

Wann und warum das Lifeboat letztendlich umkippte, bleibt ein ungelöstes Rätsel.

PS: Ob das deutsche Schiff wirklich Smyrna hieß, lässt sich nicht so einfach sagen. Es gibt jedenfalls  keine anderen Quellen im Internet abseits von denen, die sich mit der geschilderten Geschichte befassen, die ein solches Schiff benennen.

Quellen:

Leaflet „Mary Stanford Lifeboat House Rye Harbour” from Friends of the Mary Stanford Lifeboat House.

Internet:

Wikipedia

Public Sculptures of Sussex.co.uk

Winchelsea.com

Rye and Battle Observer.co.uk

Foto: Camber Beach

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