Tenterden

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Smallhythe Place: Ein Haus, gekauft wie gesehen

Wer reist, sieht viel. Mitunter auch sein absolutes Traumhaus. So erging es der seinerzeit berühmten viktorianischen Schauspielerin Ellen Terry (1847 bis 1928), die an den großen Theatern in London, aber auch in den Vereinigten Staaten große Erfolge als Darstellerin in verschiedenen Shakespeare-Stücken feierte. Was sie sah, als sie durch Tenterden fuhr, war kein Palast, kein pompöses Anwesen, nein ein schlichtes, schmales Fachwerkhäuschen mit kleiner Scheune und einem schönen Cottage-Garden direkt an der Straße gelegen. Es gefiel ihr so gut, dass sie direkt den nächsten Mann, den sie erblickte, fragte, ob das Haus zu erwerben sei. „Nein“ lautete die knappe Antwort. Der Mann versprach Terry jedoch, ihr zu schreiben, wenn das Haus jemals zum Verkauf stehen sollte.

Einige Zeit später, genauer gesagt im Laufe des Jahres 1899, erhielt die Schauspielerin tatsächlich Nachricht von diesem Mann. Auf der nicht signierten Postkarte standen nur drei Wörter: House for sale. Diese Info reichte Terry aus, sie erstand das Haus und machte es zu ihrer Bleibe auf dem Lande bis zu ihrem Tod in eben diesem Haus am 21. Juli 1928. Im Ganzen bewohnte sie es 29 Jahre. Eine angemessene Zeit, um das Haus nach ihrem Tod zu einem Museum zu machen, fand ihre Tochter Edith und lag damit aus heutiger Sicht goldrichtig. So offenbart das vom National Trust gemanagte Haus seltene Einblicke in die Welt einer Künstlerin von Rang, die Smallhythe als idealen Ausgleich zum Stadtleben ansah.  Der Umstand, dass Smallhythe sich dem Besucher heute so präsentiert als sei dort die Zeit stehengeblieben, ist vielleicht dem Umstand geschuldet, dass in der Beziehung zwischen Mutter und Tochter nicht immer die Sonne schien und die Tochter nach dem Tod der Mutter offenbar das Gefühl entwickelte, ihr postum etwas Bleibendes zu schenken.

Nun, die Familiengeschichte aus jener Zeit liest sich fast wie ein durchgehender Skandal und macht sie damit nur allzu menschlich. Ellen Terry war im Ganzem dreimal verheiratet, das erste Mal schon mit 16 Jahren. Ihre beiden einzigen Kinder stammen jedoch von einem Partner zwischen dem ersten und zweiten Ehemann, den sie nicht heiraten konnte, weil sie noch mit ihrem ersten Mann verheiratet war. Deshalb erhielten die beiden Kinder, Edith und Edward einen anderen Nachnamen – Craig, um sie vor dem Makel, illegitime Kinder zu sein, zu schützen. Ihre Tochter Edith fand übrigens ihre Liebe fürs Leben beim gleichen Geschlecht, über viele Jahre lebte sie gar in einer Dreierbeziehung. Nichts Ungewöhnliches mag man nun denken, wenn einem der Zirkel um Virginia Woolf in den Sinn kommt, der nicht weit entfernt von Tenterden residierte.

Edith hatte es ab 1931 zur schönen Tradition werden lassen, dass am Todestag ihrer Mutter in der Scheune von Smallhythe Place ein Shakespeare-Matinee stattfand. Und das nicht mit irgendwelchen Darstellern. Nein, für Ellen Terry nahmen sich die besten Schauspieler an den Theatern in London die Zeit, eine Extra-Rolle zu lernen für nur einen einzigen Auftritt in einer kleinen Scheune, 65 Meilen von London entfernt. Das mag wohl am eindrucksvollsten zeigen, welchen Stellenwert Ellen Terry unter den Schauspielern einnahm.

In ihrem Todesjahr 1947 war Edith Craig gerade mitten in den Vorbereitungen für die nächste Matinee, als der Tod sie ereilte. Ihre letzten Worte werden wie folgt überliefert: „It’s all dark. Who put out the light?“

Quellen: Joy Melville: “Ellen Terry and Smallhythe Place”, for the National Trust

Internet:

Wikipedia

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